Ayça Miraç – A Window to the Bosporus

Review Ayça Miraç – A Window to the Bosporus

Orient trifft Okzident ist eine schwer verstaubte Formel – wäre da nicht Ayça Miraç. Die Sängerin hat mit ihrem neuen Album A Window to the Bosporus eine frische Mischung aus Jazz mit türkischen und lasischen Einflüssen aufgelegt. Und interessanter Weise alles „Made in Germany“.

Miraç ist, anders als der Albumtitel vermuten ließe, nicht in Istanbul geboren, sondern in Gelsenkirchen. In der Schalke-Metropole hat die Tochter des türkischen Schriftstellers Yaşar Miraç und einer lasischen Mutter einen Teil ihrer Kindheit verbracht und ihr Abitur abgelegt. Einen Teil ihrer Kindheit lebte sie dann doch in Istanbul, der Stadt an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Und dort vermittelte ihr der Großvater klassische türkische Musik, die ihren Blick über ihren deutschen Chor- und Klavierunterricht hinaus erweiterte. Der Grundstein für ihr Fenster zum Bosporus.

Das Basispaket Wissen ist also umfassend, auf das Miraç als Sängerin, Komponistin, Texterin und Arrangeurin zurückgreift. Für ihr neues Album hat sie sich mit Pianist Henrique Gomide, Bassist und Arrangeur Philipp Grußendorf und Schlagzeuger Marcus Rieck verstärkt, also dem Personal ihrer Band Lasjazz.

Gemeinsam gestalten sie ein feingliederiges, zurückhaltendes Album, das zwischen Jazz und türkischen und lasischen Einflüssen oszilliert und im Fachjargon ein Label der Sorte World-Jazz oder gar Ethno-Jazz aufgestempelt bekäme. Die Musik strahlt überraschend viel Ruhe und Wärme aus. Damit lädt sie ein, entspannt zurückzulehnen und sich ihren Klängen zu überantworten. Belohnt wird der Zuhörer mit genussvoller Entschleunigung.

Die Inhalte der meisten Lieder kreisen um den Bosporus, Istanbul, Wasser und was damit verbunden ist. Yelkenler (Segel) lässt viele kleine Boote mit ihren weißen gehissten Segeln auf dem Wasser blinzeln. Bu Dünya Bir Pencere (Die Welt ist ein Fenster) swingt im 7/4-Takt mit türkischen Einflüssen tänzerisch in den Raum. Akşam Boğaziçi´nde (Abend am Bosporus) atmet die Last des Tages aus und lädt zu Ruhe und Entspannung ein. Und Heyamo, ein traditionelles lasisches Lied über weibliche Selbstbestimmung, trägt Miraçs sensible Stimme in aufgefrischtem Gewand in den Raum, umspielt von tröpfelndem Piano und Besen, die windgleich über die Felle wuscheln.

Die Aufnahme von A Window To The Bosporus ist überraschend räumlich und intim zugleich. Miraç steht greifbar im Raum, Piano und Bass artikulieren körperreich und das Schlagzeug ist selbst in seinem Besenspiel detailreich abgebildet und glaubhaft platziert. Musik, zum Greifen nah, könnte man sagen. In jedem Fall aber Musik zu zuschauen, wenn auch nur über die Ohren und die Magie der Phantasie.

Damit ist Ayça Miraçs jüngstes Album A Window To The Bosporus eine rundum gelungene Einspielung, die zu hören viel Freude macht. Çok teşekkürler! (Herzlichen Dank!) (Thomas Semmler, HighResMac)

Ayça Miraç, Gesang, Arrangements, Kompositionen & Texte
Henrique Gomide, Klavier
Philipp Grußendorf, Bass & Arrangements
Marcus Rieck, Schlagzeug

Ayça Miraç – A Window to the Bosporus

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